Glasstadt Zwiesel

Städtische Musikschule Zwiesel – ON – OFF wegen Corona?

Viele Musikschulen haben auf Grund der Corona-Pandemie geschlossen – nicht so in Zwiesel und das zur Freude aller Beteiligten.

Die Corona-Krise ist eine echte Belastungsprobe für die Menschen. Viele sitzen zuhause und können nicht ihren normalen Alltag leben. Das gilt auch für die zahlreichen kleinen und großen Schülerinnen und Schüler der Städtischen Musikschule. Doch mit sehr viel Engagement und einer großen Portion Motivation gelingt es den Lehrerinnen und Lehrern einen Notunterricht aufrecht zu erhalten, wie Leiterin Irmgard Schaffer und ihr Stellvertreter Thomas Bauer erklären. Und wer hätte das gedacht: Beide können der aktuellen Situation auch positive Aspekte abgewinnen.

Auch für Bürgermeister Franz Xaver Steininger ist es ein echtes Herzensanliegen, dass der Musikunterricht derzeit nicht völlig zum Erliegen kommt: „Das ist natürlich im Moment nicht leicht, weil gerade im Bereich Online-Angebote eine Menge rechtliche Fragen zu klären waren und die Datenschutzbestimmungen eingehalten werden müssen. Doch dank der bewundernswerten Einsatzbereitschaft unserer Lehrerinnen und Lehrer schaffen wir es, dass in den Zwieseler Stuben auch weiterhin fleißig geübt und musiziert werden kann.“

Irmgard Schaffer hat sich tatsächlich einiges einfallen lassen, um ihre meist jungen musikbegeisterten Kinder nicht im Stich zu lassen. „Wir haben von Beginn der Krise an versucht, die sozialen Medien mit in unsere Arbeit einzubeziehen. Anfangs war der Messenger-Dienst „WhatsApp“, über den auch Video-Telefonie funktioniert, vom Gesetzgeber noch geduldet, jetzt gilt das nicht mehr“. Also mussten neue Wege gefunden werden. Und da gibt es einige Anbieter, die Datensicher funktionieren und die verwendet werden dürfen. Skype zum Beispiel, Signal, Threema oder Gypsy, sind Namen die im Rahmen der Recherche zum Vorschein traten. „Ich bin inzwischen schon fast ein Profi in diesem Bereich“, lacht Schaffer. So hat sich beispielsweise herausgestellt, dass der Anbieter Signal im Gegensatz zu WhatsApp schon ab zwölf Jahren und nicht erst mit 16 freigegeben ist. „Viele Eltern sind mir schon für diese Information dankbar.“

Doch für die Arbeit mit ihren Kids hat sich ein ganz anderes Problem herauskristallisiert. Viele sind Vorschulkinder oder ABC-Schützen. Da ist der Umgang mit Handy, Laptop und Skype nicht selbstverständlich. Zudem wird bei der musikalischen Früherziehung oft in Gruppen unterrichtet. Das geht im Moment natürlich nicht. Doch auch dafür hat Schaffer eine pfiffige Lösung gefunden. Sie macht einfach Audioaufnahmen und dreht kleine Videos, die sie den Eltern der Kinder schickt. Die Kinder hören und sehen sich das an, schicken Aufnahmen ihrer Lernergebnisse zurück. Ist eine Übung für den Moment zu schwer, gibt es auch mal eine Telefonberatung. „Das klappt ganz wunderbar, viele meiner Schülerinnen und Schüler sind voll bei der Sache und legen sich richtig ins Zeug.“ Und wer eine Übung besonders gut gemeistert hat, der bekommt Sonderlob in Form von Emojis, die heute alle beispielsweise von facebook kennen. Klatschende Hände oder ein lachendes Smiley sind dabei das, was früher die beliebten Fleißkärtchen in der Schule waren: Ansporn pur! „Ich kann ohne Übertreibung sagen, dass viele meiner Kinder zur Zeit wesentlich fleißiger üben, als sonst. So habe ich einen Jungen, der Flöte spielen lernt. Vor Beginn der Ausgangsbeschränkungen ist er ganz am Anfang des ersten Lehrbuchs gestanden. Inzwischen schickt er mir regelmäßig zwei bis drei gelernte Lieder und hat bald den zweiten Band durch.“

Apropos Lehrmaterial, wie kommt das zu den Nachwuchsmusikern nach Hause? Die Materialien werden bisher per Post oder digital geschickt. Wenn die Ausgangsbeschränkungen nächste Woche etwas gelockert werden, wird auch das wieder ein wenig leichter zu bewerkstelligen sein. Und wenn es kein Unterrichtsmaterial gibt, dann wird Schaffer eben selbst aktiv. Eine ihrer Schülerinnen wollte „Freude schöner Götterfunken“ lernen, um an den Konzerten teilnehmen zu können, bei denen Musiker an geöffneten Fenstern sitzen und nach Draußen spielen. Leider gibt es für die Steirische keine Noten für das Stück, so hat Schaffer diese für das Mädchen aufgeschrieben. Eine positive Corona-Geschichte, die Hoffnung macht.

Sicher müssen Schaffer und ihr Team für das alles einen hohen Zeit- und Arbeitsaufwand leisten. Arbeitstage von früh morgens bis spät abends sind dabei keine Seltenheit, eher schon die Regel.

Den Idealismus ihren Beruf in diesen Zeiten vor allem auch als Berufung zu sehen und viel über das eigentlich notwendige Maß hinaus an Arbeit zu investieren, nimmt Schaffer aus der Überzeugung, dass es gerade jetzt wichtig ist Kinder zu fördern. „Und“, ergänzt sie, „weil es sich lohnt. Wenn wochenlang nicht geübt wird, verlieren viele die Motivation und wir den Kontakt zu ihnen. Schließlich braucht jeder ein Ziel auf das man hinarbeiten kann.“

Ähnlich engagiert geht Thomas Bauer ans Werk. Im Gegensatz zu Schaffer gibt er normaler Weise hauptsächlich Einzelunterricht. Er bringt auch erwachsenen Schülerinnen und Schülern Trompete, Klavier, Keyboard und Akkordeon bei. „Anfangs war das alles nicht so einfach Notunterricht zu organisieren aber inzwischen sehen es vor allem viele Kinder als Abenteuer.“ Bei ihm ist es vor allem der Unterricht über Video-Konferenzen, in denen er mit seinen Schülerinnen und Schülern musiziert. Letztlich sitzt er, wie sonst auch, mit seinen Schützlingen zusammen, nur eben nicht im selben Raum, sondern durch zwei Bildschirme verbunden. Das klappt ganz gut, nur wenige vor allem ältere Musikanten können sich mit der modernen Technik nicht anfreunden und verzichten derzeit lieber auf Unterricht. Auch Bauer hat die Erfahrung gemacht, dass viel geübt wird, die Motivation extrem hoch ist. Leider können im Moment keine Bands gemeinsam üben. Das wäre laut Bauer theoretisch zwar schon möglich, „aber dazu fehlen einfach die technischen Voraussetzungen.“

Schaffers und Bauers Einstellung ist bemerkenswert und ansteckend. „Ich sehe es vor allem auch positiv. Wir müssen uns jetzt vermehrt mit dem Einsatz der digitalen Medien beschäftigen. Die Herausforderungen, die wir jetzt annehmen, Probleme die wir lösen und Erfahrungen, die wir machen, sind ein gutes Rüstzeug für die Zukunft“, ist Schaffer sicher.

Und dann, kurz nachdem das Telefoninterview zu diesem Bericht beendet ist, meldet sich Irmgard Schaffer nochmal: „Gerade sollte eine Stunde mit einem Schüler über Skype stattfinden, da hat es technische Probleme gegeben. Deswegen gab es Unterricht über das Telefon.“ Eine flexible und spontane Aktion, die den Schüler weitergebracht hat. Keine Frage, die Städtische Musikschule Zwiesel hat die Zeichen der Zeit nicht nur erkannt und sich von der aktuellen Krise nicht unterkriegen lassen, die Lehrerinnen und Lehrer leisten darüber hinaus einen unschätzbar wertvollen Dienst für alle, die Musik und das Musizieren lieben.